Bosch und die Zwangsarbeit in Kleinmachnow: Die geheime Rüstungsfabrik im Wald

Wer heute durch Kleinmachnow spaziert, begegnet einem Ort mit grünen Straßen, Einfamilienhäusern und ausgedehnten Waldflächen. Die Gemeinde südwestlich von Berlin gilt als ruhiger, lebenswerter Wohnort. Doch mitten in dieser idyllischen Umgebung verbirgt sich ein Kapitel deutscher Industriegeschichte, das lange Zeit kaum Beachtung fand.

Während des Zweiten Weltkriegs befand sich in Kleinmachnow eine große Rüstungsfabrik, die eng mit dem Unternehmen Bosch verbunden war. Hier wurden Teile für Flugzeugmotoren hergestellt. Tausende Menschen arbeiteten auf dem Gelände, darunter Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen aus den von Deutschland besetzten Ländern.

Besonders erschütternd ist die Geschichte von rund 770 überwiegend polnischen Frauen, die 1944 aus dem Konzentrationslager Ravensbrück nach Kleinmachnow verschleppt wurden. Sie mussten in einer Fabrikhalle arbeiten, die zugleich ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen war.

Die Spuren dieser Geschichte sind in Kleinmachnow bis heute sichtbar. Man muss nur wissen, wo man suchen muss.

Kleimachnow, ehemalige Bosch Siedlung

Eine Fabrik, die niemand entdecken sollte

Ende der 1930er-Jahre entstand zwischen dem heutigen Stolper Weg und dem Stahnsdorfer Damm ein weitläufiges Industriegelände. Hier befand sich die Dreilindener Maschinenbau GmbH, kurz DLMG.

Hinter dem Namen verbarg sich eine Rüstungsproduktion des Bosch-Konzerns. Die Fabrik war als Tarnbetrieb angelegt. Ihre flachen Hallen lagen versteckt zwischen Bäumen, sodass sie aus der Luft möglichst schwer zu erkennen waren. Das war kein Zufall: Die Produktion war für die deutsche Kriegsführung von Bedeutung und sollte vor alliierten Luftangriffen geschützt werden.

In der DLMG wurden unter anderem Komponenten für Flugzeugmotoren gefertigt, die vor allem für die deutsche Luftwaffe bestimmt waren.

Auf dem Gelände arbeiteten insgesamt etwa 5.000 Menschen. Neben deutschen Beschäftigten waren darunter ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene.

Während für die deutschen Beschäftigten Wohnhäuser in der Nähe entstanden, mussten viele der verschleppten Menschen unter völlig anderen Bedingungen leben und arbeiten.

Die Fabrik war damit nicht nur ein bedeutender Industriestandort. Sie war Teil eines Wirtschaftssystems, das in großem Umfang von der Ausbeutung entrechteter Menschen profitierte.

Bosch und die Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

Der Einsatz von Zwangsarbeit war während des Zweiten Weltkriegs kein Einzelfall. Zahlreiche deutsche Unternehmen beschäftigten Menschen, die gegen ihren Willen aus den besetzten Ländern nach Deutschland gebracht worden waren.

Mit zunehmender Kriegsdauer und dem wachsenden Arbeitskräftemangel gewann diese Form der Ausbeutung immer größere Bedeutung.

Die Arbeitsbedingungen unterschieden sich je nach Herkunft, rechtlichem Status und Einsatzort erheblich. Besonders schutzlos waren Menschen, die als Häftlinge aus Konzentrationslagern zur Arbeit gezwungen wurden.

Sie konnten ihren Arbeitsplatz nicht verlassen, erhielten keine angemessene Entlohnung und waren der Willkür von SS-Wachpersonal und betrieblichen Verantwortlichen ausgeliefert.

Auch die Dreilindener Maschinenbau GmbH profitierte von diesem System.

Die Geschichte der DLMG zeigt, wie eng Industrieunternehmen und das nationalsozialistische Herrschaftssystem miteinander verflochten waren. Wirtschaftliche Interessen, militärische Produktion und die systematische Ausbeutung von Menschen griffen ineinander.

Für Kleinmachnow bedeutete das, dass sich mitten im Ort ein Schauplatz nationalsozialistischer Verbrechen befand.

Halle K24: Das KZ-Außenlager Sachsenhausen in Kleinmachnow

Besonders deutlich wird die Geschichte der Zwangsarbeit in der sogenannten Halle K24.

Im September und Oktober 1944 wurden rund 770 überwiegend polnische Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück nach Kleinmachnow gebracht. Sie waren zuvor von Vertretern der DLMG im Lager für den Arbeitseinsatz ausgewählt worden.

Die Transporte erfolgten am 16. September und am 11. Oktober 1944.

Die Frauen wurden auf dem Gelände der DLMG in einem abgetrennten und eingezäunten Bereich untergebracht. Dieses Lager war organisatorisch dem Konzentrationslager Sachsenhausen zugeordnet.

Damit befand sich in Kleinmachnow ein KZ-Außenlager – nicht irgendwo weit entfernt, sondern unmittelbar neben den Wohngebieten und Arbeitsstätten der Gemeinde.

Die Frauen arbeiteten in der Halle K24 und mussten in den Luftschutzkellern der Fabrik leben. Ihre Unterkünfte befanden sich unterhalb des Geländes, das heute als Stolperberg bekannt ist.

Die Bedingungen waren menschenunwürdig.

Zwölfstündige Arbeitsschichten, stundenlange Appelle, unzureichende Ernährung und permanente Überwachung bestimmten den Alltag. SS-Aufseherinnen kontrollierten die Gefangenen, schikanierten und demütigten sie.

Viele der Frauen waren sehr jung. Einige waren noch Jugendliche, als sie nach Kleinmachnow verschleppt wurden.

Sie hatten ihre Familien verloren, ihre Heimat verlassen müssen und wussten nicht, ob sie jemals zurückkehren würden.

Vom Warschauer Aufstand in eine Fabrik nach Kleinmachnow

Um zu verstehen, wie diese Frauen nach Kleinmachnow gelangten, muss man nach Warschau zurückblicken.

Am 1. August 1944 begann dort der Warschauer Aufstand. Die polnische Heimatarmee, die Armia Krajowa, erhob sich gegen die deutsche Besatzung.

Die Aufständischen wollten ihre Hauptstadt befreien, bevor die Rote Armee eintraf. Sie hofften auf Unterstützung durch die Alliierten.

Doch diese Hilfe blieb weitgehend aus.

Nach neun Wochen wurde der Aufstand von den deutschen Besatzungstruppen brutal niedergeschlagen. Zehntausende Zivilisten wurden ermordet. Besonders grausam waren die Massaker im Stadtteil Wola, bei denen innerhalb weniger Tage Zehntausende Menschen starben.

Anschließend begann die systematische Zerstörung Warschaus.

Die überlebende Bevölkerung wurde aus der Stadt vertrieben. Viele Menschen gelangten zunächst in das Durchgangslager Pruszków, von wo aus sie in andere Lager oder zur Zwangsarbeit deportiert wurden.

Auch zahlreiche Frauen, die später in Kleinmachnow arbeiten mussten, kamen auf diesem Weg nach Deutschland.

Für sie bedeutete die Deportation den Verlust nahezu aller bisherigen Sicherheiten. Viele wussten nicht, ob ihre Angehörigen noch lebten. Sie waren von ihrer Heimat abgeschnitten und mussten in einer fremden Umgebung unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten.

Wie sah der Alltag der Zwangsarbeiterinnen aus?

Was bedeutete es, als junge Frau in der DLMG arbeiten zu müssen?

Die überlieferten Erfahrungsberichte ehemaliger Häftlinge vermitteln einen Eindruck davon, wie sehr Hunger, Erschöpfung und Angst den Alltag bestimmten.

Die Frauen mussten lange Schichten an Maschinen leisten. Ihre Ernährung war unzureichend, die Unterbringung beengt und die hygienischen Bedingungen schlecht.

Hinzu kamen die ständigen Kontrollen durch das Wachpersonal.

Selbst außerhalb der Arbeitszeiten waren die Frauen nicht frei. Appelle, Durchsuchungen und die Angst vor Bestrafungen bestimmten ihr Leben.

Die körperliche Belastung war enorm. Gleichzeitig mussten sie die psychischen Folgen ihrer Deportation, den Verlust ihrer Familien und die Ungewissheit über das Kriegsende ertragen.

Dennoch berichten Überlebende auch von gegenseitiger Hilfe und Zusammenhalt.

Diese Berichte machen deutlich, dass hinter den historischen Zahlen individuelle Menschen standen – mit eigenen Erinnerungen, Hoffnungen und Lebensgeschichten.

April 1945: Der Todesmarsch aus Kleinmachnow

Als sich im Frühjahr 1945 die Front näherte, begann die Räumung der DLMG.

Maschinen und Produktionsanlagen wurden demontiert und abtransportiert.

Am 16. April 1945 mussten die in Kleinmachnow inhaftierten Frauen das Lager verlassen. Die SS schickte sie auf einen sogenannten Todesmarsch.

Der Weg führte unter anderem über Oranienburg, Rheinsberg, Wittstock und Parchim bis in die Gegend von Crivitz.

Die Frauen mussten große Entfernungen zu Fuß zurücklegen, ohne ausreichend mit Nahrung und Wasser versorgt zu werden.

Nach Monaten der Zwangsarbeit waren viele körperlich bereits völlig erschöpft.

Am 2. Mai 1945 wurden die Überlebenden in der Nähe von Schwerin von amerikanischen Soldaten befreit.

Für sie endete damit die unmittelbare Gewalt der nationalsozialistischen Lagerhaft. Doch die Folgen ihrer Gefangenschaft begleiteten viele ein Leben lang.

Was erinnert heute in Kleinmachnow an die Bosch-Fabrik?

Die Geschichte der DLMG ist aus dem Ortsbild nicht vollständig verschwunden.

Wer sich mit der Vergangenheit Kleinmachnows beschäftigt, findet mehrere Orte, die an die Rüstungsproduktion und die Zwangsarbeit erinnern.

Seit 2001 befindet sich am Eingang des Julius-Kühn-Instituts eine Gedenktafel für die polnischen Zwangsarbeiterinnen.

Auf dem ehemaligen Fabrikgelände sind außerdem konservierte Fundamentreste früherer Küchen- und Verwaltungsbaracken erhalten geblieben.

Auch der Stolperberg ist ein geschichtlich bedeutsamer Ort. Unter ihm befinden sich Überreste der Kelleranlagen, in denen die inhaftierten Frauen untergebracht waren.

Und schließlich erinnert die sogenannte Bosch-Siedlung an die Zeit, als für die deutschen Beschäftigten der DLMG Wohnhäuser errichtet wurden.

Diese Orte liegen mitten in Kleinmachnow. Viele Menschen kommen täglich an ihnen vorbei, ohne ihre Geschichte zu kennen.

Wie aus der Geschichte der Bosch-Fabrik ein Kriminalroman entstand

Als Autorin und Kleinmachnowerin hat mich besonders beschäftigt, wie wenig von dieser Vergangenheit im heutigen Alltag sichtbar ist.

Was geschah hinter den Fabrikmauern? Wie lebten die jungen Frauen, die nach Kleinmachnow verschleppt wurden? Und wie konnte ein Ort, der heute so friedlich wirkt, damals Schauplatz von Zwangsarbeit und Entrechtung sein?

Bei meinen Recherchen stieß ich auf Erfahrungsberichte ehemaliger Zwangsarbeiterinnen, historische Dokumentationen und die Arbeiten engagierter Lokalhistoriker.

Aus diesen Recherchen entstand die Idee zu meinem Regionalkrimi „Kein Kind von hier“.

Der Roman erzählt zwei miteinander verwobene Geschichten: In der Gegenwart untersucht Kommissarin Fanny Gärtner den Mord an einem jungen Mann in Kleinmachnow. Die Ermittlungen führen sie zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs – zu den polnischen Zwangsarbeiterinnen der Bosch-Fabrik und einem Geheimnis, das über Generationen verborgen blieb.

Die historischen Ereignisse bilden die Grundlage des Romans. Die Kriminalhandlung, die persönlichen Beziehungen und die inneren Konflikte der Figuren sind jedoch frei erfunden.

Mir ging es nicht darum, Geschichte durch Fiktion zu ersetzen. Vielmehr wollte ich einen Zugang zu einem Kapitel der Kleinmachnower Vergangenheit schaffen, das es verdient, nicht vergessen zu werden.

Denn manchmal führt eine erfundene Geschichte dazu, dass wir uns für die tatsächliche Vergangenheit eines Ortes interessieren.

„Kein Kind von hier“ – Kleinmachnow Krimi, Band 1
Ann Rose | Taschenbuch | 312 Seiten | 13,99 €
ISBN 978-3-9828440-0-8

Quellen und weiterführende Literatur

Angela Martin: Ich sah den Namen Bosch – Widziałam nazwę Bosch. Polnische Frauen als KZ-Häftlinge in der Dreilinden Maschinenbau GmbH. Berliner Geschichtswerkstatt, 2001.

Ewa Czerwiakowski und Angela Martin (Hrsg.): Muster des Erinnerns: Polnische Frauen als KZ-Häftlinge in einer Tarnfabrik von Bosch. Berliner Geschichtswerkstatt, 2005.

Rudolf Mach: Das Gedächtnis des Ortes.

Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide: www.ns-zwangsarbeit.de